Desenzano - Ursprung und Anruf zum Gebet

 

In Desenzano, am Südufer des Gardasees, ist Angela Merici zwischen 1470 und 1474 geboren. In ihrem Elternhaus erlebt sie glückliche Kinder- und Jugendjahre in einer bäuerlichen Familie.

Am Abend versammelt sich die Familie am Kamin. Der Va­ter liest Geschichten vor. Angela hört ihm gern zu, besonders wenn er aus dem Leben der Heiligen liest. Diese werden früh für Angela zum Vorbild. Das Gebet ist von Kindheit an ein fester Bestandteil in ihrem Leben. Sicher hat auch die Weite und Schönheit des Gardasees sie angeregt, still zu werden, auf das Wort Gottes zu hören und in Freude und Dank seine Schöpfung zu bestaunen.

Angela ist noch ein Kind, da sterben ihre Eltern und ihre äl­teste Schwester. So bleiben ihr Einsamkeit und Existenznot nicht erspart. Früh lernt sie, zu den Füßen Jesus Christi ihre Zuflucht zu nehmen.

Angela wächst heran zu einer bodenständigen, verwurzelten Frau. Was sind ihre Wurzeln? Was gibt Angela Standfestigkeit und Halt? Das ist sicher ihr tiefes Wissen darum, von Gott geliebt zu sein. Es ist auch ihre Familie, die Menschen, mit denen sie lebt, mit denen sie freundschaftlich verbunden ist. Sicher ist auch die Kirche Angela Wurzel und Heimat. Das Leben in der kirchlichen Tradition, das Kennen der Bibel und ihre Verehrung der frühchristlichen Jungfrauen und Märtyrinnen zeugen davon.

 

Salo - Welterfahrung und franziskanische Spiritualität

 

Nach dem Tod ihrer Angehörigen wird die jugendliche An­gela von einem Onkel mütterlicherseits in Salo aufgenom­men. Dort, in seinem Hause, kommt Angela in die Gesell­schaft adeliger Kreise. Die Mädchen bewundern Angela, besonders ihr schönes blondes Haar. Angela lernt luxuriöses Leben kennen, hält sich aber bewusst dem ausschweifenden Treiben der vornehmen Gesellschaft fern. Angela lernt die Franziskaner kennen und schließt sich dem dritten Orden des hl. Franziskus an, vor allem, um leichter zur heiligen Messe, zur Beichte und zum Tisch des Herrn gehen zu kön­nen. Mit den Werken der Barmherzigkeit verbinden die Franziskaner das Apostolat. Angela wird mehr und mehr auf ihre Lebensaufgabe vorbereitet.

 

Grezze - Rückzug und Stille

 

Die Grezze ist der Ort, an dem Angela rund 20 Jahre gelebt hat. Sie kehrt als junge Frau (mit ca. 20 Jah­ren) aus Salo auf das elterliche Gut zurück und bleibt dort bis sie 1516 nach Brescia geschickt wird.

Bilder tauchen auf: die Herdstelle, die Schlafmatte, das Holz, welches Angela als Kopfkissen gedient hat, der Brun­nen im Hof, die alten Gemäuer...

Wie mag der Alltag für Angela dort ausgesehen haben?

Wir wissen, dass Angela auf den Feldern und in den Wein­bergen, die zum Landgut gehörten, gearbeitet hat.

Wir stellen uns die anfallenden Hausarbeiten vor, die Angela verrichtet hat: kochen, waschen, kehren, Holz sammeln... Vor nunmehr 500 Jahren waren all diese Tätigkeiten sehr viel mühsamer als heute.

Angela hat Freud und Leid der Menschen in ihrer Nähe kennen gelernt. Sicher ist ihre Sensibilität für das, was die Menschen bewegt, in dieser Zeit gewachsen.

Zu den Gottesdiensten hatte sie weite Wege – wahrschein­lich zu Fuß – zurückzulegen. Ist sie diese allein gegangen? Haben Verwandte oder Nachbarn sie (manchmal) begleitet? Zeitzeugen berichten, dass Angela sich immer wieder zum Gebet zurückgezogen hat. Wir wissen, dass es Angela ein Herzensanliegen war, häufig die Kommunion zu empfangen.

In diese Zeit fällt ein herausragendes Ereignis im Leben von Angela. Es ist die Vision von Bruddazzo, die Vision, in der Angela von Gott den Auftrag bekommt, eine Gemeinschaft von Jungfrauen zu gründen.

Sie erfährt, wie der Himmel sich öffnet und Engel mit jungen Frauen niedersteigen. Sie erfährt die Trennung von oben und unten als aufgehoben, jedenfalls als verbunden.

Das Leben Angelas in der Grezze zeigt, dass Gott mitten im Alltäglichen gesucht und gefunden werden kann. Die Tatsa­che, dass Angela am Ende ihres Lebens ein geistli­ches Konzept für Frauen entwickelt, welches diese anleitet, dort, wo sie sind, in ihrem Alltag Christus anzugehören, würdigt ihre Zeit in der Grezze...

 

Brescia - Alltag und Gemeinschaft

 

Im Jahr 1516 erfährt Angelas Leben eine Wende. Sie ist bereits über 40 Jahre alt. Die Franziskaner bitten sie, nach Brescia zu kommen und einer Witwe beizustehen.

Seit Angela in Brescia lebt, ist sie viel in Bewegung: An ihre Pilgerreisen, die alle in diese Zeit fallen, denken wir eigens. Wir denken an ihre Umzüge, an ihr Gehen dorthin, wo sie gebraucht wird, an ihr Gehen zu ihren Töchtern und Schwestern. Angela ist aber nicht nur äußerlich in Bewegung. Sie ist vor allem in ihrem Denken und Fühlen beweglich, flexibel.

Angela wird von ihren Zeitgenossen als begnadete Frau erlebt: Sie lebt vom Empfangen und Weitergeben. Sie selbst erlebt sich als verdankt und beschenkt mit einer „neuen und erstaunlichen Würde". Sie sagt von Gott, dass er ihr in seiner Güte reiche Gnade geschenkt hat. Diese Würde und Gnade auch anderen zuzusprechen, sie auch handelnd zu vermitteln, wird Angela bis zu ihrem Lebensende nicht müde.

Angela erscheint uns als verbindende Frau: Sie ist keine Einzelkämpferin. Sie lebt und teilt ihr Leben mit vielen Menschen unterschiedlichster Herkunft. Sie lebt solidarisch: Vor allem die Nöte der Frauen ihrer Zeit bewegen ihr Herz und Handeln. Sie verbindet zerstrittene Familien, sie versöhnt, mahnt zum Frieden und zur Einheit. Neben der großen Würdigung der Einmaligkeit ihrer Töchter ist ihr die Einheit ein Herzensanliegen.

Angela wird uns vorgestellt als eine gottverbundene, be­tende Frau. Angela preist Gott, weiß sich ihm verbunden, weiß sich von ihm geliebt. Sie weiß sich auch von ihm ge­sandt.

 

Wallfahrten - Leben in Bewegung

 

Angelas Leben war im wahrsten Sinne des Wortes ein be­wegtes Leben. In einer Zeit, in der die eigenen Füße das Fortbewegungsmittel schlechthin waren,  war sie oft auf den Beinen.

Die letzte Phase ihres Lebens verbringt Angela in Brescia. In diese Zeit fallen auch ihre großen Pilgerreisen.

Im Jahre 1524 fährt sie mit Antonio Romano ins Hl. Land, ein ziemlich gewagtes Unternehmen.

Bereits im nächsten Jahr – also 1525 – bricht Angela mit ei­ner kleinen Pilgergruppe nach Rom auf.

In Varallo, auf dem Sacro Monte waren die einzelnen Stationen des Lebens Jesu dargestellt. Zwei Mal suchte Angela diesen Ort auf: 1528 und 1532. Diese Besuche waren für Angela sicher mit einer starken Erinnerung an ihre Pilgerfahrt ins Hl. Land verbunden.

 

Was bedeuten diese Wallfahrten für die hl. Angela?

Unterwegssein ist „Aufbruch" aus dem Alltag. Angela hat immer wieder ihren Alltag hinter sich gelassen und stellte sich auf einen Weg ein. Sie stellte sich den Überraschungen des Weges, dem „Unbekannten"...

Angela ist bei ihren Wallfahrten von Menschen begleitet, die mit ihr auf dem Weg sind. Es sind z.T. vertraute Men­schen, es sind aber auch Menschen, mit denen sie nur das gleiche Ziel gemeinsam hat. Erfahrungen von Führen und Geführt werden, von Gemeinschaft, von Getragen sein und vom gemeinsamen Ziel gehören zu Angelas

Zur Pilgerreise gehört auch, dass sich der Mensch zu Gott emporschwingt. Die Verbundenheit mit Christus war die Achse, um die sich Angela Leben gedreht hat. In ihren

Wallfahrten hat dieses In-Christus-Sein neue Nahrung ge­funden: Beim Abgehen der Lebensorte Jesu im Hl. Land, in Rom, dem Hauptort des christlichen Abendlandes und in Varallo. Durch diese Wege hat Angelas Glaube neue Kraft und neue Sicherheit gewonnen.

Die Pilgerschaften fallen bei Angela in die Zeit der Suche nach ihrer Lebensaufgabe. Erste Ansätze zeigen sich, aber immer noch war ihr nicht klar, wie sie diesen Ruf, den sie früh erhalten hatte, in ihrem Leben verwirklichen sollte. Wahrscheinlich hat sie sich und Gott an den Orten ihrer Pil­gerreisen intensiv die Frage gestellt: Was willst Du von mir? Welchen Weg soll ich gehen? Welche Entscheidung ist jetzt dran?